Essay:
Woher
kommt der Hass?
von Professor Gernot Rotter
Medien
im Westen äußern sich gegenwärtig entsetzt über das Ausmaß des Hasses, der
Terroristen des islamischen Glaubens zu Taten bewegen kann, die Tausende das
Leben kosten und unsere wirtschaftlichen Grundlagen zu zerstören drohen.
Gleichzeitig versuchen viele Muslime in den Westen zu gelangen, um sich dort
eine lebenswerte Zukunft aufzubauen, die ihnen in ihrer Heimat wegen
Bürgerkriegen, politischer Unterdrückung oder aus wirtschaftlicher Not nicht
in Aussicht steht. Sind Muslime per se also irrational, wie es so mancher
Kommentar dieser Tage suggeriert?
Szenenwechsel: Sommer 1982 in Beirut im Libanon. Der Westteil der Stadt ist von
israelischen Truppen besetzt. Vor einem Wohnblock steht ein Panzer. Ein
israelischer Soldat hat sich mit entblößtem Oberkörper darauf ausgestreckt,
um ein Sonnenbad zu nehmen. Ein Araber geht auf dem Gehsteig vorbei, und der
Soldat bespuckt ihn von oben. Meine Frau macht ihn bestürzt Vorhaltungen, aber
der Soldat antwortet ungerührt: "Was wollt ihr denn? Die Araber sind
unsere Indianer."
Die Palästinenser - Muslime wie Christen unter ihnen - werden seit Jahrzehnten
und paradoxerweise verstärkt seit dem Abschluss der Osloer Verträge im Mai
1994 und im September 1995 alltäglich kleinen und großen Demütigungen
ausgesetzt, ganz zu schweigen von den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen
Folgen der nun schon seit 1967 währenden rigorosen Besetzung. Dies und ihr
verzweifeltes Aufbäumen, das sich in letztlich hilflosen Verzweiflungstaten
äußert, haben inzwischen auf beiden Seiten zu irrationalem Hass geführt.
Trotz aller Uneinigkeit zwischen den islamischen Staaten herrscht unter ihren
Bürgern ein nicht nur verbal bekundetes, sondern auch tief emotionales
Solidaritätsgefühl. Dies vor allem dann, wenn eine reale oder vermeintliche
Bedrohung von außen, aus einem anderen Kulturkreis, empfunden wird. Israel
gehört in arabischen und muslimischen Augen einem anderen Kulturkreis an,
nämlich dem von den USA dominierten Westen, und wird als letzter Vorposten des
"westlichen Imperialismus" oder des "christlichen
Kreuzfahrertums" angesehen.
Szenenwechsel: Ende 1990. Die USA entsenden seit August Truppen nach Saudi
Arabien, um die Iraker aus Kuweit zu vertreiben. Das Fundamentalistenblatt
"Al-Sabah" in Kairo lässt in einer Überschrift US-Präsident George
Bush Senior den Arabern zurufen: "Hier sind wir wieder Saladin!". Und
1994, als die Serben die Stadt Sarajevo belagern, ist in "Al-Ahram",
der bedeutendsten ägyptischen und keines islamischen Extremismus verdächtigen
Tageszeitung, die Headline zu lesen: "Sarajevo, das neue Granada?"
Die islamische und im besonderen Maße die arabische Welt ist seit Anfang des
20. Jahrhunderts, als zunächst vor allem Briten und Franzosen, seit der
Gründung Israels auch immer massiver die USA im Nahen Osten eingriffen, von
einer tiefen kulturellen Verunsicherung erfasst. Arabischen Jugendlichen wird in
der Schule vermittelt, welche Überlegenheit ihre Kultur im Mittelmeerraum
jahrhundertelang besaß, welche geistigen und naturwissenschaftlichen
Erkenntnisse sie dem damals unterentwickelten christlichen Abendland vermittelt
hat. Und deshalb fragen sie sich, warum sich das zivilisatorische Gewicht nun
ins Gegenteil verkehrt hat.
Demagogen und Verschwörungstheoretiker machen in erster Linie zwei Ursachen
für die Unterlegenheit und die in den meisten islamischen Staaten herrschende
materielle Not verantwortlich: einerseits eine Verschwörung des Westens mit dem
Ziel, die islamische Welt zu vernichten; andererseits den eigenen Verrat an den
ursprünglichen islamischen Werten, wobei es diese theologisch ungebildeten
Demagogen selbst sind, worin diese Werte bestehen.
So erklärt sich auch die zitierte Überschrift. Saladin, jener muslimische
Sultan, der Lessing in "Nathan und der Weise" noch als Vorbild für
einen toleranten Staatsmann diente, gilt im arabischen Raum als Heros, der dank
seines starken Glaubens die christlichen Kreuzfahrer 1187 aus Jerusalem und dem
Heiligen Land vertrieb. So werde es bei entsprechender religiöser
Entschlossenheit auch heute gelingen, Israel und damit den Westen aus dem
Heiligen Land und überhaupt aus der islamischen Welt zu vertreiben.
Auch Granada hat für die arabische Sphäre Symbolcharakter, war doch diese
Stadt im Andalusien ein glänzender Ausdruck islamisch-arabischer Kultur. Mit
ihrer Eroberung 1492 und der Vertreibung der Muslime (und Juden!) im Zeichen der
christlichen Inquisition ging eine 700-jährige muslimische Epoche Andalusiens
zu Ende. Die in der erwähnten Schlagzeile vollzogene Gleichsetzung von Granada
und Sarajevo sollte suggerieren, dass die Eroberung Sarajevos auch die
Ausmerzung der Muslime auf dem Balkan bedeuten werde - so wie die christliche
Eroberung Granadas die endgültige Verdrängung der Muslime aus Spanien
einleitete.
Das Argumentieren mit jahrhundertealten Ereignissen als Beleg für eine immer
währende Verschwörung gegen die islamische Welt ist im Westen nur schwer
nachvollziehbar. Darin zeigt sich eine im Denken gläubiger Muslime verankerte
ungebrochene Geschichtswahrnehmung, eine Heilsgeschichte, die mit Mohammed
begann, bis heute andauert und gegen westliche Hegemonialbestrebungen verteidigt
werden muss.
Diese anti-westliche Grundhaltung verbindet sich mit der Vorstellung vom
modernen Verrat an der eigenen Religion und macht auch vor eigenen
Staatsführungen nicht Halt, zumal wenn sie prowestliche Positionen einnehmen
wie etwa Jordanien oder Ägypten. Sie macht zuweilen nicht einmal Halt vor den
muslimischen Mitbürgern, die bereits völlig von der taghrib, der
Verwestlichung, durchdrungen und von der almanija, dem Säkularismus,
infiziert seien. Der ultrareligiöse Eiferer Anear al-Gundi, der seit den
sechziger Jahren als Essayist und Literaturkritiker in Ägypten wirkte, hat
sogar den Zerfall der islamischen Welt in zahlreiche Einzelstaaten letztlich als
Werk einer westlichen Verschwörung gesehen.
Pilger in Mekka
Zumindest
öffentlich hat Gundi aber nie zu Gewalttaten aufgefordert. Dagegen ging Sajjid
Kutb, auch er ein ehemaliger Literaturkritiker (also kein Theologe) und einer
der ideologischen Ziehväter des modernen fundamentalistischen Terrors, einen
Schritt weiter. Ende der fünfziger Jahre bezeichnete er in einem seiner im
Gefängnis entstandenen Werke die ägyptische Regierung unter Gamal Abd
es-Nasser und die ägyptische Gesellschaft als in die "vorislamische
Barbarei" (dschahilija) zurückgefallen und forderte den bewaffneten
Kampf zur Wiederherstellung der allein Gott zustehenden Herrschaftsgewalt (hakimija).
Kutb, der seine Agitation schließlich mit dem Leben bezahlte und dessen Werke
heute zur Pflichtlektüre jedes einschlägigen Terroristen gehören, sah
natürlich die "vorislamische Barbarei" auch in der westlichen Welt
walten, "die keine menschlichen Werte mehr besitzt, mit denen sie ihr
eigenes Gewissen von ihrer Existenzberechtigung überzeugen könnte".
In Dutzenden Büchern haben besonders seit den achtziger Jahren
radikal-islamische Autoren diese angebliche Wertlosigkeit des Westens
angeprangert. Der Leser, der den Westen nicht aus eigener Anschauung kennt, muss
den Eindruck gewinnen,
- dass in den dortigen Demokratien alle Moralvorstellungen verloren gegangen
seien, der pure Materialismus herrscht, der Egoismus alles Handeln bestimmt und
Kriminalität die Normalität sei,
- dass der Drogen- und Alkoholkonsum diese Welt ohnehin bald zerstören werde,
- dass vor dem Hintergrund einer generellen Promiskuität alle
Familienstrukturen in Auflösung begriffen seien,
- dass die Frauen sich halb nackt durch die Strassen bewegen und Freiwild für
jedermann seien,
- dass der Westen ständig darauf sinne, nicht nur militärisch, sondern auch
durch die Propagierung seiner Demokratie und den Export seiner Unwerte die
islamische Welt mit in die moralische und physische Verderbnis zu reißen,
- und dass deshalb schließlich ein Zusammenstoß zwischen der islamischen und
der westlichen Welt unausweichlich sei, womit Samuel Huntington mit seiner
Clash-of-Civilizations-These von nicht erwarteter Seite Schützenhilfe erhält.
Angesichts derart abstruser, simplifizierender und plakativer Feind- und
Hassbilder ist es fast erstaunlich, dass ihre extremistischen und verblendeten
Anhänger immer noch eine Minderheit in der islamischen Sphäre darstellt. Aber
auch die besonnene Mehrheit im Nahen und Mittleren Osten, die die Versäumnisse
und Fehlentwicklungen im politischen und gesellschaftlichen Bereich erkennen und
das Modell der westlichen Demokratie mit seiner möglichst strikten Trennung von
Religion und Staat durchaus als erstrebenswerte Alternative ansieht, äußert
vielfach berechtigte Kritik an westlichen Verhaltensweisen. Der Westen sollte
sie ernst nehmen. Dies allein kann die Voraussetzung dafür schaffen, dass nach
dem ins Haus stehenden Militärschlag der USA eine friedliche Entwicklung dieser
Region eingeleitet werden kann.
Häufigster Kritikpunkt dieser gemäßigten Mehrheit sind die Doppelzüngigkeit
und zuweilen auch die schlichte Heuchelei der westlichen Nahost-Politik:
- Warum lässt der Westen infolge der Erinnerung an den barbarischen Holocaust
Israel bei der Unterdrückung der Palästinenser gewähren, so dass diese zu
Opfern der Opfer des Holocaust werden, an dem sie keine Schuld trifft?
- Warum wird Israel, das Dutzende Uno-Resolutionen und selbst solche, die die
USA mitgetragen haben, missachtet hat, nicht zur Rechenschaft gezogen wie jeder
andere Staat?
- Warum fordert der Westen die Einführung demokratischer Strukturen im Nahen
Osten und brandmarkt mehrere Staaten wegen angeblicher Unterstützung
terroristischer Aktivitäten als "Schurkenstaaten", während etwa
Saudi-Arabien, das bislang nicht der Hauch einer Demokratisierung gestreift und
das massiv die Entwicklung extremistischer Terrorbewegungen wie zum Beispiel die
Taliban unterstützt hat, aus durchsichtigen wirtschaftlichen Interesse
gehätschelt und gepflegt wird?
Um diese Mehrheit nicht auch noch den Terroristen in die Arme zu treiben, gilt
es, solche Fragen ernst zu nehmen. Der Westen und Israel müssen die Hände
ergreifen, die ihnen Arafat in Palästina und Chatami in Iran entgegenstrecken.
Es gilt , die Barriere des in den Köpfen auf beiden Seiten längst gefestigten
Bildes vom Clash of Civilizations niederzureißen und anstelle blinden Hasses
ein Klima des Vertrauens wiederzuerwecken.
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Gernot Rotter ist seit 1984 Professor für Gegenwartsbezogene Orientwissenschaft am Asien-Afrika-Institut der Universität Hamburg. 1980 bis 1984 war er Direktor des deutschen Orient-Instituts in Beirut, 1987 bis 1991 Landtagsabgeordneter der Grünen in Rheinland-Pfalz. Rotter, 60, ist Co-Autor von: "Nahostlexikon, der israelisch-palästinensische Konflikt von A - Z" |
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