Wie die Hitze zum Verhängnis des World Trade Center wurde

Als
am Dienstag den 11. September 2001 um 8:45 Uhr eine Boeing 767 auf die
aluminiumverkleidete Fassade des World Trade Center (WTC) prallte, war das
Schicksal des Nordturms besiegelt. Noch 102 Minuten stand das 417 Meter hohe
Wahrzeichen New Yorks. Doch vom ersten Moment an war es todgeweiht.
Den Ausschlag gab nicht der Aufprall des Flugzeugs selbst: Die entführte
Maschine war mit gefülltem Tank (ca. 90.000 Liter) in Boston gestartet und wog
weit mehr als 100 Tonnen. Die Wucht reichte zwar aus, um etwa 20 Stahlträger
des Außenskeletts zu zerschlagen und mindestens drei Stockwerke zu verwüsten.
Der Statik des Towers jedoch hätte die Kollision allein nichts anhaben können.
Denn die Türme waren gewappnet, gewaltigen Kräften zu trotzen. Die beim
Aufprall der Boeing frei werdende kinetische Energie von rund 750 Millionen
Joule war nicht größer als die Last, die bei Sturm auf der WTC-Fassade
lastete.
In dem 63 Meter breitem Gebäude müssen dann Stahlstreben, Holme und Röhren,
möglicherweise auch eine der zentralen Fahrstuhlsäulen, den Passagierjet
gestoppt haben. Zu diesem Zeitpunkt waren höchstens ein Viertel der Träger
durchtrennt. Es hätte sogar die Hälfte sein können, ohne dass das Haus
eingestürzt wäre.
Dann folgte die Explosion der Flugzeugtanks. Geschätzte 50 Tonnen Kerosin
verwandelten sich in einen Feuerball, der durch die zersplitternden Fenster der
Außenfassade loderte. Eine Druckwelle raste durch das Gebäude.
Doch auch die Energie dieser Detonation ließ den 900.000 Tonnen schweren
Nordturm nur kurz erzittern. Es schien, als sollten die Architekten Recht
behalten, die einst
beteuert hatten, nur eine Atombombe könne das Symbol westlicher
Wirtschaftskraft umhauen.
Zum endgültigen Verhängnis wurde dem Hochhaus erst die Hitze, ausgelöst durch
das brennende Wrack, das etwa auf Höhe der 80. Etage steckt. Bereits bei 400
Grad Celsius verliert Baustahl an Festigkeit; bei 800 Grad wird er weich wie
Knetgummi, er "plastifiziert", wie die Experten sagen. Kerosinbrände
aber erzeugen Temperaturen von mehr als 1.000 Grad.
Um ein Mindestmaß an Schutz zu bieten, waren die Metallträger des World Trade
Center von der Baufirma Tishman Construction mit Beton und dem Baumaterial
Vermiculit ummantelt worden.
Derartige Stoffe sind erprobt an Normbrände, wie sie durch Kabelbrände oder
entzündete Möbel entstehen. Gegen die vom Kerosin entfachte Höllenhitze sind
solche Feuer hemmenden Materialien jedoch machtlos. Ergebnis: Die Gestänge
begannen zu glühen, die Streben verformten sich.
Der Nordtower, als erster gerammt, hielt den Flammen exakt 102 Minuten stand.
Sein südlicher Zwilling, 18 Minuten später etwa im 60. Stockwerk getroffen,
stürzte noch schneller ein. Denn hier lastete das Gewicht von rund 50 Etagen
auf den unter der Gluthitze erweichenden Stahlstreben.
Was dann passierte, erinnert an einen Dominoeffekt: Der gesamte oben liegende
Gebäudeteil fiel ruckartig um wenige Meter abwärts. Dabei rumste er mir
solcher Wucht auf die darunterliegende Etage, dass diese ihrerseits einfiel. So
ging es weiter bis in die unteren Stockwerke.
Die Terroristen wussten offenbar genau, wo sie die Gebäude treffen mussten, um
sie sicher zu zerstören, denn hätten sie höhere Stockwerke angesteuert, wäre
der Aufprall der zusammenbrechenden Etagen zu schwach gewesen, um das gesamte
Gebäude zum Einsturz zu bringen. Bei einem Einschlag in tieferen Etagen hätte
die Feuerwehr den Brand möglicherweise löschen können.
Der Aufschlag der Trümmer der kollabierenden Gebäude erschütterte den Boden
so sehr, dass starke Schwingungen entstanden und die Fundamente nahe gelegener
Gebäude schädigten. Eines (Gebäude Nummer 7 des WTC) stürzte bereits ein,
mehrere andere müssen nach Angaben von Experten auf Grund von Rissen im
Fundament und anderen Schäden in der Bausubstanz vermutlich abgerissen werden.
Orginaltext: DER SPIEGEL No. 38/2001 vom 15.9.2001. (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,158667,00.html)
Warum stürzten die Türme des World Trade Center zusammen?
Es
gibt zwei Theorien, warum die Türme einstürzten: Der Feuerschutz* der Stahlträger
des World Trade Center, bestehend aus einem drei Millimeter dünnen,
aufgespritzten Spezialputz platzte durch die enorme Druckwelle der Explosion der
Flugzeuge in den Sekunden des Einschlags in der näheren Umgebung der
Einschlagstelle ab. Die Stahlträger waren damit der Kerosinbrandhitze schutzlos
ausgeliefert!
Die Stahlpfeiler tragen ihre Last nur, wenn sie seitlichen Halt bekommen. Die Stützen
im Kern der Türme bezogen ihren Halt ebenso wie die Außenpfeiler ausschließlich
durch die Geschossdecken. Diese bestanden aus Stahlstäben mit wenig mehr als
vier bis fünf Zoll Querschnitt und trugen eine Stahlplatte, die mit vier bis fünf
Zoll Stahlbeton bedeckt waren.
Als diese Verbindungen brachen und die erste Geschossdecke abstürzte und ein
oder zwei andere mitriss, hatten die eng stehenden Stahlstützen der
Aluminiumfassade keinen seitlichen Halt mehr - unter der Last der Stockwerke darüber
knickten sie ein.
*Die Metallträger waren von der Baufirma "Tishman Reality and Construction
Company" mit dem Baumaterial Vermiculit ummantelt worden, ein Produkt, das
zuvor an so genannten Normbränden erprobt worden war! Und solche Normbrände
erreichen nicht vergleichbare Temperaturen eines Kerosinbrandes.
Übrigens: Ursprünglich hatte man für den Feuerschutz eine Mischung
vorgesehen, die rund 20 Prozent Asbest enthalten sollte. Diese Isolierschicht
sollte verhindern, dass Temperaturen der Stahlteile im Fall eines Feuers auf über
1100 Grad Fahrenheit steigt - einer Temperatur, bei der Stahl 50 Prozent seiner
Stärke verliert. Aber Ende der sechziger Jahre entbrannte in den USA eine
Diskussion darüber, ob Asbest Krebs erregt. Der Nordturm war bereits bis zum
40. Stockwerk errichtet, als man dann für die nächsten Etagen und für den
zweiten Turm, dem Südturm, den vorher benannten Baustoff verwendete.
Nach
einer anderen Theorie heizte sich der leichte Stahl der Querträger als erstes
auf. In den 20 bis 30 Minuten nach dem Einschlag begannen die Geschossdecken
sich zwischen den Innen- und Außenstützen durchzubiegen.
Ohne den Halt der Querverbindungen und durch die Hitze weich geworden, biegten
sich die Außenstützen unter ihrem Gewicht der Geschosse oberhalb der
Einschlagstelle nach außen oder knickten wie Streichhölzer ein. In dem
Augenblick, in dem die Außenpfeiler, selbst durch das Feuer geschwächt, keine
Stütze mehr durch die Querstreben hatten, war der Turm verloren: Die gesamte
Gebäudespitze krachte auf das Stockwerk, der vertikale Schlag setzte sich, wie
bei einer Dominoreihe, nach unten fort.
Die oberen Stockwerke schlugen mit einer Geschwindigkeit von beinahe 200
Stundenkilometern auf dem Boden auf - annähernde Fallgeschwindigkeit. 15
Sekunden dauerte es, bis das gesamte Gebäude unten war.
Die seismischen Aufzeichnungen des Lamont-Doherty Earth Observatory:
1.: Summary
of seismic observations of the two impacts and the three collapses;
2.: Seismograms
recorded by LCSN Station PAL (Palisades, NY).
Firehouse Magazine presents the extraordinary stories of the FDNY firefighters at Ground Zero
9/11 im Labor
Die Gluthitze brennenden Kerosins und entflammter Büroeinrichtung brachte die Türme des World Trade Centers am 11. September 2001 zum Einsturz. Experten ließen eine Etage jetzt nachbauen und in Flammen aufgehen, um Hochhäuser künftig vor Katastrophen zu schützen.
Bis ins kleinste Detail ähnelt der Nachbau dem tragischen Vorbild: Drei Büros der 96. Etage des World Trade Center, so wie sie das Finanzunternehmen Marsh & McLennan eingerichtet hatte, haben US-Materialforscher rekonstruiert - um sie dann in Flammen aufgehen zu lassen.
Orginal: "9/11 im Labor" © DER SPIEGEL 3/2004
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